Wo sind die Alten? – IV und Schluss

Heute wird die Serie über die Unvereinbarkeit von alternativem Lebensstil und alten Menschen beendet.
Vielfalt, Schnelligkeit und Grenzenlosigkeit wurden bisher als gnadenlose Türsteher des selbstbestimmten, selbstverwalteten, selbstorganisierten Lebens dargestellt. Es sind nicht die einzigen.

Reizüberflutung
Die Liebe zu unterschiedlichen Medien (s. Vielfalt), zum cross-over, provoziert Stress beim alten, hinfälligen Menschen. Natürlich weiß er, dass Dinge anders sein können, als sie erscheinen, doch er ist in besonderem Maße auf äußerliche Anzeiger von Ordnung angewiesen. „Qualität vor Quantität“, „gründlich arbeiten!“, diese Merksprüche einer untergegangenen Zeit sind den Alten noch im Ohr. Sie zielten darauf ab, zu Konzentration anzuhalten, teuflische Zerstreuung (= Verwirrung, Verdrehung der Ordnung) nicht zuzulassen. Und plötzlich: Von allem etwas – Film, Essen, Musik, Bewegung, Tanz und Diskussion in Einem. Die Alten kapitulieren – hier wird nichts richtig gemacht, nichts zu Ende gebracht.

Orientierungslosigkeit

Auch der Uneingeweihte bekommt in der Welt der Alten Anzeichen, was wann geboten ist: Bei Vorstellungen auf Bühnen sitzt das Publikum vor diesen – es steht nicht, springt nicht, schreit nicht und entert nicht die Bühne. Beim Essen sitzt man in der Runde – wenn überhaupt, so wird leise gesprochen. Diskussionen werden geleitet, man meldet sich, wenn man etwas sagen will, in die Menge rufen gehört sich nicht.
Wenn diese Merkmale jeweils fehlen, fallen für alte, geistig beeinträchtigte Menschen wesentliche Marker weg, es mit Veranstaltungen der genannten Art zu tun zu haben. Die Vorstellungen von Ort und Zeit geraten durcheinander.

Epikritisches:
Nervenaufreibende Reize kommen punktförmig, spitz, knapp. Vor der Bühne : ein Schrei, beim chaotischen Basteln, auf das sich kaum jemand (weder Kind, noch Erwachsener) zu konzentrieren scheint: ein Klirren (die Farbe ist umgefallen, was alle ungemein amüsiert und wofür niemand die Verantwortung übernimmt), mitten im Gang: ein Tisch, an dem sich niemand stößt – außer dem Alten. All diese Reize lassen keine Gewöhnung zu, im Gegenteil: So wie sie erscheinen, sind sie schon wieder weg. Der Eindruck auf den Alten: Hier wird man zermürbt, hier verliert man Substanz wie bei einem Verhör, wo die Argumente von der zahlenmäßig überlegenen Seite dermaßen schnell und präzise hervor geschossen werden, dass das Sich-Wehren gegen den Moment jeden Überblick über die Gesamtsituation vereitelt.
Dem Epikritischen in diesem Zusammenhang verwandt ist das Spontane bspw. das für den Alten scheinbar unmotivierte Im-Gang-Herumstehen, so dass offensichtlich niemand mehr vorbei kann. (Es ist kein Trost, dass man dem Alten sagt, es sei noch genug Platz und ihm auch demonstriert, dass dem so ist, indem man ihn an der Stauquelle vorbei lotst oder die Herumstehenden einfach freundlich, so wie es hier üblich ist, schubst. Die Einleibung von Alten ist auf andere Räume angewiesen, ihr liegt ein anderes Distanzspüren zugrunde, als der beim jüngeren Menschen.)
Spontan sind die Alten nicht. Um sich entfalten zu können, brauchen sie Ordnung, Regeln oder auch nur etablierte Routinen.

Ich wünsche uns allen einen guten Blick für 2018. Hoffen wir, besser zu erkennen, was uns und was anderen Menschen gut tut. So, wie es für alte Menschen hilfreich ist, Altvertrautes als Stütze in die Hand zu bekommen, so mag es Menschen geben, die zu ihrem Besten durch Neues aufzuscheuchen wären. Es käme darauf an, weder Über- noch Unterforderung hinzunehmen. Dazu freilich bedarf es wohletablierten eigenleiblichen Spürens. Achten wir 2018 besser auf uns und unsere Lieben, indem wir endlich ernst nehmen, was uns der Leib zu sagen hat.

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Wo sind die Alten? – III

Bei der Frage nach Gründen für das Fernbleiben von Alten vom alternativen Leben der Großstadt stießen wir auf die Punkte: Vielfalt, Schnelligkeit, Grenzenlosigkeit, Reizüberflutung, Orientierungslosigkeit, epikritisch.

Wir endeten das letzte Mal mit Vielfalt: Alte sind es nicht gewohnt bzw. Scheitern daran, vielfältige, ja von der Sache her disparate Tätigkeiten nebeneinander auszuführen.

Heute setzen wir fort mit:

Schnelligkeit:
Das Geschehen um die Alten herum ist Gewusel. Es gibt keine festgelegten Abläufe. Springen, Tanzen, Hüpfen wechseln einander ab. Die Akteure suggerieren dem alten Menschen: Gefahr. Er befürchtet mit Recht, seine Reaktionsgeschwindigkeit sei der der Jungen nicht ebenbürtig:- Ein den Weg kreuzendes Kind muss man erst einmal verkraften. Auf der leiblichen Ebene kann befriedigende, identifizierende Einleibung kaum gelingen. Möchte man sich etwas/jemandem zuwenden, ist es/er schon wieder in der Menge verschwunden. Es entsteht der Eindruck schnellen, unüberblickbaren Straßenverkehrs. Die begegnenden Sachen werden als Grundrauschen wahrgenommen. Angst entsteht. Das führt uns zur:

Grenzenlosigkeit:
Die Formen der Dinge verschwimmen, auch wegen der Schnelligkeit ihres Wechsels. Fällt hier gerade etwas herunter oder ist nur ein Kind vorbei gerannt? Klappt hier eine Tür oder bin ich an etwas gestoßen? Braucht der schreiende Mensch dort vorn Hilfe oder führt er etwas auf einer (mir nicht sichtbaren) Bühne vor? Ist die Pampe vor mir wirklich etwas zu essen (das müsste doch aus mehreren getrennten Komponenten bestehen?!) oder doch Abfall? Das Fließende, Verschwimmende verwirrt den alten Menschen.
Grenzenlosigkeit macht ihm nicht nur bei toten Dingen, sondern auch bei lebenden Menschen zu schaffen. Ihm begegnen hier weder zuordenbare Söhne und Töchter, noch Gastgeber, Nachbarn aus dem Nebenhaus oder Arbeitskollegen. Sondern immer nur: Menschen. Alte Menschen kennen sich selbst als Antragsteller, etwas zerstreute Käufer, Herzkranke, geliebte Großeltern und noch einiges mehr. All diese Rollen sind bekannt und werden aktiv und passiv bedient. Hier aber gibt es keine Rollen. Hier soll jeder durch sein pures So-Sein wirken, sich einbringen und geschätzt werden wollen. Hier wird man niemandem vorgestellt und hier bemüht sich auch niemand extra um Neuankömmlinge.
Niemand macht dem Alten klar, dass diese Formlosigkeit gewollt ist und zum Programm der Veranstalter zählt. Hier möchte man Hierarchien, Abhängigkeiten, Konventionen, Alltagsfestlegungen beseitigt sehen. All das, was dem Alten das Leben erleichtert.

Wo sind die Alten? – II

Was verhindert also die Teilnahme der Alten am alternativen Leben bspw. eines Stadtteilfests? Wir lassen die Phänomene auf uns wirken:

Schon von Weitem hören wir laute Musik, Amateur-Geschrammel, unterbrochen von Beifallsrufen; die jungen, eher langhaarigen Menschen haben sichtlich Spaß beim Traktieren ihrer Instrumente, unterbrechen auch mal ihr Spiel für eine lustige Bemerkung zu den anderen Musikern und dem locker um sie herum gruppierten und munter schwatzenden Publikum. Jemand aus dem Publikum entert die Bühne und beteiligt sich plötzlich an der Musik.

Zwei Räume weiter hält eine Frau einen Vortrag. Ihre leise Stimme ist kaum hörbar. Dauernd kommen und gehen Leute, es scheint niemand auf seinem Sitz bleiben zu wollen.

In allen Räumen, aber auch draußen, auf dem Baum, auf dem Dach und im Bassin: Kinder unterschiedlichsten Alters, laut, quirlig, mit schrillen Stimmen; sie stoßen laufend Erwachsene an, die das gutmütig hinnehmen und kurz mit den Kleinen scherzen.

Es gibt keine Gänge von einem Angebot zum anderen. Hier ist quasi überall und alles Angebot. Es wird in einem musiziert, ge- und verkauft, geschwommen, gebummelt, geschwatzt, gelegen, zugehört, gegessen, an Bäume gepisst, gekocht, gelesen.
Ruhig wird es nirgendwo. Türen in geschlossenem Zustand kommen nicht vor, so dass sich eine hohe Grundlautstärke ausbreiten kann.

Und alles, alles ist zugestellt mit Dingen. Lauter Kinderspielzeug, Flohmarktutensilien, Gartengeräte, alte Bücher, liegengelassenes Geschirr, Kleidung, Essensreste, alte Möbel. Vieles davon wirkt so, als sei es gerade in Benutzung gewesen, anderes, als hätte es schon Jahre an seinem Platz gestanden.

Die Menschen wirken so merkwürdig aufgedreht, ihr Sprechen ist mehr ein euphorisches Plappern, das sich in einem fort nur um das gerade stattfindende Fest dreht.
Einander begegnende Menschen fassen sich sehr oft an: an der Schulter, am Arm, Begrüßungen werden zu einer langen Kette von Umarmungen. Ihre Gestik ist ausladend in die Weite gerichtet, was bei der Enge der Räumlichkeit und der Vielzahl von Menschen zu dauerndem Anstoßen führt, worüber man nicht genug jauchzen kann.

Wir wollen hier abbrechen.

Die folgende Sortierung soll in die Rubriken Vielfalt, Schnelligkeit, Grenzenlosigkeit, Reizüberflutung, Orientierungslosigkeit, epikritisch vorgenommen werden.

Vielfalt:

Man kann hier nicht nur essen und trinken oder nur Theater erleben oder nur Musik hören oder nur beim Basteln mitwirken. Man kann hier alles – und zwar gleichzeitig. Das Basteln lenkt von der Musik und die vom Essen ab – egal: Man bastelt eben in Bühnennähe und legt den Veggieburger neben der Faltarbeit ab. Was sollte daran falsch sein? Hier ist wirklich für jeden etwas dabei. Nur für den nicht, der nicht damit zurechtkommt, dass für jeden etwas dabei ist – den Alten, der gewohnt ist, dass soziale Angebote segmentiert dargeboten und aufgenommen werden, der möchte, dass man sich auf die Sachen konzentriert, dass man sie gründlich und bis zu Ende erledigt.

Wo sind die Alten? – I

Da gibt es dieses Stadtteilfest. Man kennt sowas: Allerlei Mitmach-Initiativen stellen sich vor. Basteln mit Kindern, Kunstschweißen, Nachbarschaftsgarten, lokale Vereine, veganes Backen, die Kirche schickt die Dritte-Welt-Initiative der Gemeinde. Junge, entspannte Menschen in weiter Kleidung, die viel lachen und recht herzlich wirken. Überdurchschnittlich viele Kinder. Aber nahezu keine Anknüpfungspunkte an die Lebenswelt alter Menschen. Zwar mag einmal ein AWO-Stand unterkommen, doch hinter dem stehen propere Jungs und Damen, engagierte Profis, die für Arbeit in der Altenpflege werben.

Eine Szene, der es sonst so um Gleichstellung (heute: Inklusion) geht, schließt Alte offensichtlich von vornherein aus. Nicht explizit, auf keinen Fall. Dafür umso konsequenter implizit. Doch was heißt das? Wie setzt sich dieser Ausschluss über die Köpfe und durch die Köpfe der Beteiligten hindurch um und was ließe sich an diesem Zustand ändern? Dem soll in der heute beginnenden Serie „Wo sind die Alten?“ nachgegangen werden.

Zunächst: Es geht hier nicht darum, ein ganz bestimmtes Milieu für sein So-Sein zu schelten. Hier soll nicht auf eine irgendwie moralische Art die Schuldfrage gestellt werden. Mich interessiert schlicht der Grund für diesen Zustand. Um vorzugreifen: Er liegt in der Leiblichkeit der Beteiligten vergraben.

Das Leben von Menschen findet in Situationen statt. Die Definition von Hermann Schmitz: „Eine Situation in dem von mir gemeinten Sinn ist Mannigfaltiges, das zusammengehalten und mehr oder weniger abgehoben wird durch eine binnendiffuse, d.h. nicht in lauter Einzelnes durchgegliederte Bedeutsamkeit aus Bedeutungen, die Sachverhalte, Programme oder Probleme sind.“ (66 und an sehr vielen weiteren Stellen) Es lässt sich also (wegen der Binnendiffusität) nicht mit letzter Sicherheit (und schon gar nicht erschöpfend) angeben, das Fehlen welcher Zutaten die Mitwirkung der Alten verwehrt. Wohl aber können wir versuchen, aus diesen Situationen Symptome zu vereinzeln, die uns Hinweise geben. Das soll hier unternommen werden.

Der Umgang von Menschen in diesen Situationen ist Einleibung. Natürlich ist Alten und Jungen der einleibende Zugang zueinander nicht verwehrt. Er findet tagtäglich milliardenfach statt. Eine andere Frage ist jedoch, wie es kommt, dass sich bestimmte Inseln herauskristallisieren, in denen dieser unterbleibt und interessant wird diese andere Frage dadurch, dass dies in Zusammenhängen geschieht, die sich sonst recht viel auf „Inklusion“ zugute halten.

Im nächsten Teil soll eine Antwort versucht werden.

Schmitz, Hermann: selbst sein – Über Identität, Subjektivität und Personalität, Verlag Karl Alber, Freiburg / München, 2015

Frau R. und der junge Kellner

Frau R., Altenheimbewohnerin, allzeit aufmerksam, nie dösend, sitzt im Rollstuhl und beobachtet ihre Umgebung. Ein ihr befreundeter Herr fährt sie zuweilen vor die Tür und beide verbringen dann große Teile des Tages damit, Ankommende und Weggehende zu mustern. Er grüßt freundlich, sie brummt: bei Annäherungen anderer Leute, bei aufkommender Bewegung im Hintergrund, klapperndem Geschirr, grellen Farben, beim Heraufziehen grauer Wolken aber auch plötzlichem Durchbrechen der Sonne, bei Gerüchen, einem Windstoß von der Tür her aber auch beim Klappern von Schuhabsätzen. Ruhig ist Frau R. nur bei Nichtbeachtung in mäßig warmer Zimmerumgebung mit wenigen leisen Menschen, gedämpftem Licht und unbewegter Luft.

Der junge Kellner nimmt mich nicht vollständig wahr, er ist woanders. Er wiederholt die Bestellung falsch und natürlich vergisst er die Hälfte. Doch das ist keine große Überraschung mehr. Ich konnte es mir denken, als ich seine Körperhaltung sah. Ich sitze in seiner Blickrichtung wie ein Hindernis, ein Tier bspw., das auf der Straße liegt und sich in Zeitlupe erhebt, um endlich die hupenden Autos vorbeizulassen. Genervt sieht man an ihm vorbei, den noch unbefahrbaren Straßenabschnitt im Blick. Der Mann steht auch so vor meinem Platz, dass er -würde er angesprochen, was er mit mir zu tun habe- jederzeit antworten könnte, er stünde nur zufällig hier und sei eigentlich längst weg. Sein Blick ist überall hinter, vor, über mir – nur nicht auf mir.

 

Unsere beiden leiden an einer Deformation ihrer Einleibungsfähigkeit.  Frau R. hat mit einer überdrehten Einleibung zurechtzukommen, der Kellner mit einer allzu schwach entwickelten. Obwohl er direkt vor mir steht, läuft sein Blick in die Weite aus. Ihr Blick hingegen heftet sich unablösbar an einen neuen, noch weit entfernten Besucher des Hauses und sie findet erst wieder Ruhe, bis er im Fahrstuhl verschwindet. Ist er etwa 20 m vor ihr, wird die Spannung so stark, dass sie zu brummen beginnt und bei weiterer Annäherung schließlich den Kopf weg drehen muss. Frau R. gilt als unfreundlich, misstrauisch, der junge Kellner als unaufmerksam, desinteressiert, unwillig. Ihre leibliche Kommunikation (mit anderen Leibern und auch leibfremden Gegenständen) ist gestört, ihr mangelt die Flexibilität der gesunden Ausgewogenheit. Frau R. lässt sich von Lappalien beengen, der junge Kellner nahezu von nichts. Ihr ist die Erfahrung von Weite fast völlig versagt, gerade auch weil sie unterschiedslos mit allem und jedem leiblich zu kommunizieren strebt, also selber permanent die Dominanzrolle in vom Zaun gebrochenen Kommunikationsangeboten beansprucht. Er ist kaum zu stellen, sofort fließt er in die Weite, unsere Engung hat kaum einen Angriffspunkt bei ihm.

Wir haben es mit zwei Extremstilen leiblicher Kommunikation zu tun. Beide verfehlen Normalformen im lebensweltlichen Umgang mit Begegnendem. Was wäre zu tun? Kann man den Kellner noch durch energische Zuwendung zur wenigstens kurzen Fokussierung motivieren, müsste man Frau R. Weghören, Absehen von… und ähnliches empfehlen. Damit hat sie es schwerer als der junge Kellner. Sie müsste sich darauf konzentrieren, sich nicht zu konzentrieren. Ein solcher Therapievorschlag ist schwer paradox. Möglicherweise kann man ihr nur mit Entspannungsübungen bzw. Ablenkung durch eine Tätigkeit helfen. Diese Tätigkeit sollte aber in versunkener Arbeit an Gleichbleibendem oder sich nur wenig Änderndem (bspw. Stricken) bestehen und auf keinen Fall menschliche Kommunikation beinhalten.

 

Schmerz – im Körper oder im Leib?

Hermann Schmitz unterscheidet sehr genau zwischen Leib und Körper. An vielen Stellen seines Werkes bezeichnet er den Leib als das, was man in der Gegend, nicht unbedingt in den Grenzen des sicht- und tastbaren Körpers von sich ohne Zuhilfenahme der Sinne, insbesondere des Sehens und Tastens, spüren kann. Erfahrbar wird der Leib in den Dimensionen von Enge/Weite und von epikritisch/protopathisch.

Ich diskutiere mit einem naturwissenschaftlich orientierten Bekannten. Die Sache mit dem Leib sei Quatsch, meint der. Was man spüren könne, seien Sinneseindrücke und ihre Ableitungen. Eine Unterscheidung zwischen Körper und Leib könne keinen Sinn haben, beides seien nur Ausdrücke für dieselbe Sache. Enge/Weite und epikritisch/protopathisch könnten gar nicht anders zu uns gelangen, als durch unsere fünf Sinne. Ihn interpretierend sage ich, Druckschmerzen müssten also Ableitungen des Tastsinnes irgendwo in unserem Körper sein. Er stimmt zu.

Die begriffliche Widerlegung seiner apodiktischen Behauptung ist schwierig. Schon leichter ist, zum Spüren anzuleiten, auch wenn man bei gepanzerten Naturwissenschaftlern damit dennoch seine liebe Not haben wird.

Eine weitere Möglichkeit scheint mir erfolgversprechender:

Was meint die Pflegekraft im Altenheim, wenn sie sagt: Frau X. spinnt, wenn sie vor Schmerzen wimmert, das sei halt ihre Psychose, schließlich hätte der Arzt sie sehr genau untersucht. Meint sie, Frau X. bilde sich Schmerzen ein? Und wenn ja, wie geht das? Bestehen eingebildete Schmerzen in einem wirklichen Wehtun oder nicht? Besteht also die Einbildung darin, Schmerzen zu fühlen, wo -mangels Ursache- keine sein können oder besteht die Einbildung in der Missdeutung von irgendetwas an sich selbst als Schmerzen?

Hier können wir nicht mehr anders, als über den Leib zu reden: Frau X. spürt etwas, was weder körperlich gerechtfertigt (s. ärztliche Diagnose), noch Ausdruck irgendeiner psychischen Innenwelt ist, denn die soll per definitionem ja nicht körperlich spürbar sein. Frau X. hat leibliche Beklemmungen, sie spürt das Gegeneinander eines Eindringlings in den Leib von außen mit einer Regung von ihm selbst, etwas was sie zu Stellungnahme, ja Auseinandersetzung zwingt (vgl. 65). Dieses Beispiel macht zudem klar, dass der Leibbegriff keine philosophische Spielerei ist. Frau X.‘ Wimmern fordert von uns gebieterisch, ihr Erleichterung zu verschaffen und sie nicht mit Erörterungen über die Grundlosigkeit ihres Zustands abzuspeisen – eben weil dieser Zustand eine Extremform „affektiven Betroffenseins“ ist (vgl. 72).

Wir müssen also etwas tun. Doch: Wenn die Psychose von Frau X. ihr Leid schafft, ein körperlicher Sinneszusammenhang als Ursache also ausfällt – was wollen wir dann bekämpfen, wenn die Psychose selbst entweder schon optimal behandelt oder aber überhaupt nicht behandelbar ist? Die Gabe von Schmerzmitteln hieße, eine körperliche Ursache anzuerkennen, die jedoch nach ärztlicher Diagnose nicht vorliegt. Die Alternative besteht hier nur darin, entweder den Leib als Ansatzpunkt lindernder Bemühungen anzunehmen oder das Leiden von Frau X. zu ignorieren.

Schmitz, Hermann: Der Leib, de Gruyter, Berlin/Boston, 2011

Ganz oder gar nicht

Alles solle man klar und deutlich sagen. Man solle sich bemühen, präzise zu sein und nicht ein Thema mit dem anderen zu vermengen, einen begrifflich eng umgrenzten Bereich in kleine und immer kleinere, jeweils grundsätzlich falsifizierbare Aussagen zu zerlegen und diese logisch zweiwertig untereinander zu verknüpfen auf dass eine feine Theorie herauskommt – wer nicht weiterkommt, sich in Widersprüche verstrickt, hat Probleme mit Abgrenzung des Gebietes oder Details übersehen, die sich im Verlauf des Schließens als wichtig erweisen:-

All das beruht auf der Fiktion, dass Einzelnes unproblematisch vorfindbar ist. Hermann Schmitz hat vielfach gezeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Einzelnes ist erst Ergebnis einer -oft mühsamen- Explikation. Und zwar aus dem Binnendiffusen einer Situation, in dem nicht alles (manchmal: nichts) einzeln ist. Die Gewinnung von Einzelnem und dessen Neu-Verknüpfung zu Konstellationen setzt als Material die Situation voraus, auf die sich einzulassen Voraussetzung ist für eine umfassende (im Jargon: ganzheitliche) Orientierung in der Welt, eine Orientierung also, die Leibliches einschließt und die Welt nicht als Sammlung verworrener Einzelfakten begreift, die es zu entwirren gelte. Das kann bedeuten, auch einmal zurückzutreten und es beim Aufgehen in der Situation bzw. (hinsichtlich vergangener Situationen) ihrer Vergegenwärtigung zu belassen.

Das Ideal des zergliedernden Bearbeitens: Die Welt wird mit dem Begriffsskalpell empfangen, wir lauern auf Einzelheiten des Gegenübers (sei das ein Mensch oder ein begegnendes Ding wie ein Sonnenuntergang, eine Melodie, eine Farbkombination), unsere Einzelheiten-Armee tritt gegen die seine an – angestrengtes Durchmustern des Gehirnspeichers nach Einzelheiten, die uns gegen das Gegenüber helfen, Rackern bis einer heult. Sicherlich: Auf diese Form der diskursiven Begriffsarbeit wird im Wissenschaftsbetrieb nicht verzichtet werden können, Hingabe allein führt nicht zu neuen Verknüpfungen. Doch müssen wir den unbarmherzigen Konstellationismus auch dem Kneipengespräch, der Plauderei unter Kollegen, der Familienfeier, der Erfahrung einer Landschaft, dem Hören von Musik unterlegen? Wenn wir hier genau sein wollen, sollten wir eher „zurückgehen auf“, nämlich eine Situation. Und das könnte geschehen, indem wir versuchen, uns ihre Dichte zu vergegenwärtigen: Erinnerungen zu stimulieren, die Beiträge der damals Beteiligten zu evozieren, Einzelheiten aufzurufen, nicht um sie sofort in eine improvisierte Konstellation zu versetzen, sondern zunächst die Situation farbiger zu machen. Auf Logik muss auch dabei nicht verzichtet werden. Hier schickt sie ihre etwas flippige Schwester namens Plausibilität; sie hilft uns bspw. die Stimmigkeit von Bildern und Eindrücken gegeneinander zu halten ohne sie in Einzelteile zu zerfetzen. Man müsste freilich das Sprechtempo verlangsamen, keine Angst vor Pausen (des Geistes und der Rede) haben, man müsste in sich hinein spüren und leibliche Geschehnisse (aufsteigende Beklemmung bspw.) ernst nehmen. Hier wäre die Person in ihrer Ganzheit beteiligt, sie hätte sich von der Verwechslung mit einer Schlussfolgerungsmaschine (wie sie bspw. LISP-Programme darstellen können) geschützt.